Chronik

4Timeline Friedrich Schiller Schule Erfurt.001(für nähere Informationen bitte auf das Bild klicken)

 

„Wunder gibt es immer wieder“ lautet ein bekannter Schlager. Alles Quatsch? Von wegen! 

  • Chawa Miriam Agmon (früher Eva-Marie Nadelmann) mit ihren Töchtern Yael Nativ und Edna (die bei London lebt). Rechts steht der Enkel Dr. arch. Assaf Nativ.
    Foto: Dr. Karin Sczech

Ich bin Lehrerin an der Friedrich Schiller Gemeinschaftsschule und wie oft läuft man da wohl gedankenverloren über den Gang? Es sind hunderte Male und oft trifft man in einer Schule natürlich Menschen und immer sind es ganz unterschiedliche Menschen. Alles soweit nicht ungewöhnlich.

Doch am Donnerstag, den 19. Juni 2014, war es anders. Ich ging den unteren Gang entlang und es kam eine ältere Dame durch die Glastür von der Straßenseite herein. Ihr folgten ganz unterschiedliche Menschen, fünf Leute mindestens, alle waren jünger als die Voranschreitende. Als ich Sie fragte, ob ich behilflich sein könne, wurde Englisch gesprochen. Glücklicherweise ist das für mich als Englischlehrerin kein Problem und die Dame fragt, ob ich denn wüsste, wo 1935 die erste Klasse von Frl. Klaus gewesen sei. Etwas scherzhaft versuchte ich zu antworten, dass ich mich daran nicht erinnern könne. Das sei ihr auch klar antwortete sie und suchte mit den Augen. Was suchte sie? Ich ahnte anhand der Verbindung des Jahres 1935 in der Kombination mit dem suchenden Blick und der konkreten Frage nach nur der ersten Klasse schon einiges. Schnell stellte sich heraus, dass die Gruppe aus Israel kam und die Dame früher hier gelebt hatte und aufgrund des Verbotes für Juden und JüdInnen Schulen in Deutschland zu besuchen, sie diese, nun meine Schule, damals verlassen musste.

Wir kamen weiter ins Gespräch und hatten uns inzwischen im Zimmer der Sozialarbeiterin an dem runden Tisch niedergelassen. Ich stellte Fragen und nun war etwas ganz Erstaunliches passiert. Die Mitglieder der Gruppe in Begleitung von Frau Dr. Sczech (Referentin im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie) waren die zwei Töchter, ein Schwiegersohn und ein Enkel der Dame und sie wollte allen vor ihrem Tod zeigen, wo sie selbst einst als Kind gelebt hatte und wo ihr Schulleben begonnen hatte. Sie besuchten den Ort, den sie aufgrund einer Verordnung der nationalsozialistischen Regierung, die es jüdischen Kindern verbot „Deutsche Schulen“ zu besuchen, unfreiwillig verlassen musste. Die Töchter hatten mich nun aufgefordert mit ihr Deutsch zu sprechen. Das tat ich und ich bekam eine wundervolle Geschichte im allerfeinsten Hochdeutsch zu hören. Dazu gehörte auch, dass die Sprache der Mutter seit fast 80 Jahren verschlossen in einer Kapsel gewesen sei, wie sie selbst sagte.

Nun suchte sie nach immer mehr Worten und schien kurz innehaltend den Geruch von damals zu vermissen. Irgendwie schienen die Erinnerungen weg und doch da zu sein, die Worte fielen schwer, aber die Emotionen und die Nähe war zu spüren. Die Ungerechtigkeit eines ganzen Lebens wurde mir erzählt. Die verschlungenen Wege führten von Erfurt, wo der Vater ein Zahnarzt in der Johannesstraße 152 und die Mutter Hausfrau gewesen waren, bis nach Palästina. Die Praxis des Vaters war ohne Geldzahlung von den Nazis weggenommen worden, die Ehe der Eltern gescheitert. Das Haus der enteigneten Praxis des Vaters in der Johannesstraße 152 hatte die kleine Gruppe an diesem Tag bereits aufgesucht und Erinnerungen waren wach gerufen worden.

Dann folgte eine schwierige Verständigung darüber, warum eine solche Nadel zum Gedenken nicht auch ihrem Leben zur Erinnerung vor dem Haus stehe und über all die unausgesprochene, aber so lebhaft spürbare Verzweiflung angesichts von so viel Ungerechtigkeit in dem einen Leben.

„Wie ging das Leben weiter, nachdem Sie die Schule verlassen mussten? Wie heißen Sie überhaupt und was erwarten Sie hier und was haben Sie noch vor in den nächsten Tagen?“

Der Weg von Eva-Marie Nadelmann (jetzt Chawa Miriam Agmon* 12.08.1927) hatte sie nach Berlin geführt, wo sie hingeschickt worden war. Dort lebte die Mutter, die vom Vater geschieden war, und Frau Agmon besuchte die jüdische Nathanschule. Von dieser Schule hatte ich schon viel Gutes gehört. Sie hat mir erzählt, dass es für eine kurze Zeit (ein Jahr) war. Dann wanderte sie mit dem Vater nach Palästina aus (9.6.1936 Abmeldung in Deutschland). Sie erreichte das damalige Palästina mit dem Schiff „Gerusalemme“ in Haifa.

Sie war als 10jährige der Shoa und dem Krieg entkommen, aus ihrer Sicht fingen nun aber die Schwierigkeiten ihres Lebens erst richtig an.

Frau Agmon schreibt über diese Zeit: „Ich kam in die 3. Klasse einer Schule, wo der Unterricht natürlich in Hebräisch war. Ich habe nichts verstanden. Das Jahr ging zu Ende und ich verließ die Schule, um in eine andere Schule zu gehen. Dort war der Unterricht in Englisch und Hebräisch. Der Unterrichtsstoff ohne Hilfe, in zwei fremden Sprachen war für ein 9 jähriges, nur Deutsch sprechendes Mädchen fast nicht zu bewältigen. Ich war immer gehorsam und machte keine Schwierigkeiten.“ 

Nach diesen zwei Jahren starb ihr Vater am 10.2.1939 in Haifa im Alter von nur 42 Jahren.

Nun kam Frau Agmon als 12jährige unwillig zu ihrer Mutter nach Jerusalem und wurde in eine Schule zum Englischlernen geschickt. Sie formuliert ihre Erfahrungen so:

„Auch meine Mutter musste die Schwierigkeiten in einem unbekannten Land zu leben bewältigen und genauso wie ich eine neue Sprache lernen. Sie wohnte in Jerusalem, musste bei einer Kosmetikerin viele Stunden arbeiten um für ein sehr bescheidenes Leben genug zu verdienen, um die Miete zu bezahlen und um mich wieder in die Schule zu schicken. Drei Jahre habe ich unter Schwierigkeiten ausgehalten, musste dann aber auch diese Schule verlassen. 

Die Zeit blieb nicht stehen und ich wurde in eine Landwirtschaftsschule geschickt, wo ich zwei traurige Jahre geblieben bin.“ 

Es gab viel an Rumschupserei und Nicht-dazu-gehören und Neu-einleben-müssen, dass die Schmerzen und Verluste immer wieder in der Frage mündeten: Was soll man machen mit so wenig Wissen, mit so wenig Sprache? Oder wie sie selbst sagte: „Was macht eine 16 Jährige, die nur 6 Volksschulklassen hinter sich hat?“ 

Die Situation wirkte zauberhaft und traurig zugleich. Solch eine wortgewaltige Frau sagte Dinge die so widersprüchlich schienen. Doch mir war sofort klar: Ein Mensch mit soviel Erinnerungsvermögen ist so sensibel für Sprache und dann eben auch dafür, nicht den-richtigen Ausdruck-finden-können, dass es Verzweiflung und gefühlte Minderwertigkeit bis heute erkennen ließ.

Herzlich waren wir in dem Gespräch und voller mitmenschlicher Wärme, weil ich auch nicht vergessen hatte zu erwähnen, dass ich mich bemühe ihre und andere Geschichten dieser unendlichen Ungerechtigkeit, die Menschen im 20. Jahrhundert hier ganz nah widerfahren sind, am Leben zu halten. Die Verabschiedung von der ganzen Familie war mit den Worten und der Übergabe dieser kleinen Dose nun wieder in Englisch begleitet: wir wussten zwar nicht, dass wir uns heute treffen, aber vergessen würden wir das alle nie und das sei ein kleines Symbol dieser Verbundenheit.

Ja bis irgendwann in Israel sagte der Schwiegersohn und irgendwie war es nicht so, als ob das nur so ein dahingesagter guter Wunsch zum Abschied war.

Scham fühlt man und Tränen laufen auch noch am Tag danach bei der Fahrt mit dem Rad in die Schule nur bei dem Gedanken über das Erlebte über meine Wangen. Warum eigentlich versuche ich die Bewegtheit mit Müdigkeit wegzureden? Warum? Und dann ist da ganz schnell wieder ganz viel Mut: den Kindern und Erwachsenen diese Geschichte weiterzugeben.

Denn wer nicht vergessen ist, lebt ewig!

 Juni / Juli 2014 – von Beate Wichmann und Chawa Miriam Agmon